Die sieben Geheimnisse guten Sterbens

Erfahrungen einer Palliativschwester

Ko-Autorin: Dorothea Mihm

Hardcover
288 Seiten
Kailash Verlag, München, 2014
19,99 Euro (Hardcover)
15,99 (E-Book)
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Hörbuch, gelesen von Annette Bopp
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Zu diesem Buch

Wie wird es sein, wenn uns nicht mehr viel Zeit bleibt? Die Palliativkrankenschwester Dorothea Mihm hat ihr Leben der Aufgabe gewidmet, Menschen ein Sterben in Würde zu ermöglichen. Von den ersten Anfängen an begleitete sie die Entwicklung der Palliativmedizin und kam Sterbenden in ihren letzten Tagen und Stunden so nah wie nur wenige Menschen. Ihre Erfahrungen zeigen: Wir können dem Tod zwar nicht entgehen, doch wir können uns und andere vorbereiten, um ihm möglichst angstfrei und friedvoll entgegenzusehen. Ein Buch voller hilfreicher und praktischer Informationen über einen neuen, hoffnungsvollen Umgang mit dem Tod, aufgeschrieben von Annette Bopp.
 

„Bewusst sterben zu dürfen, wünschen sich nur wenige“
Elke Kreil im Gespräch mit Dorothea Mihm und Annette Bopp 

Frau Mihm, Sie arbeiten seit über 30 Jahren als Krankenschwester, davon 15 Jahre in der Palliativpflege. Soeben haben Sie gemeinsam mit der Medizinjournalistin Annette Bopp das Buch "Die 7 Geheimnisse guten Sterbens" veröffentlicht. Welche Vorstellungen von einem ‚guten Sterben’ haben Menschen für gewöhnlich, solange sie mitten im Leben stehen?
Dorothea Mihm: Das ist individuell sehr verschieden. Viele Menschen wünschen sich, einfach umzufallen und tot zu sein, oder im Schlaf zu sterben. Auf jeden Fall ohne Schmerzen und Leiden. Die meisten haben vor allem Angst davor, abhängig zu werden, pflegebedürftig, und möglicherweise in einem Heim allein sterben zu müssen, nicht zu Hause. Deshalb der Wunsch nach einem schnellen Tod mitten aus dem Leben heraus. Bewusst sterben zu dürfen, wünschen sich nur wenige.

Wie ist die Idee zu Ihrem Buch entstanden?
Dorothea Mihm: Es gab ein fragmentarisches Konzept, das ich dem Verlag vorgelegt habe. Es war so aber nicht verwertbar, sondern musste erst noch richtig aufgearbeitet und ausformuliert werden. Daraus entstand der Vorschlag, meine fachlich-pflegerische Kompetenz und Erfahrung zu diesem Thema mit der journalistischen Kompetenz und Erfahrung von Frau Bopp zu verbinden.

Wie gestaltete sich Ihre Zusammenarbeit?
Annette Bopp: Wir haben tagelang zusammengesessen und miteinander gesprochen. Frau Mihm hat mir ihr Leben erzählt, und gemeinsam haben wir dann die sieben verschiedenen Aspekte, die ein gutes Sterben ausmachen, herauskristallisiert. Immer wieder haben wir diskutiert, überlegt, reflektiert. Frau Mihm hat berichtet, wie sie das Sterben und den Tod der von ihr betreuten Menschen erlebt hat und was sich für sie daraus ableitet. Wir waren über mehrere Monate hinweg in einem intensiven Austausch. Aus all diesen Aufzeichnungen entstand dann der Text. Ich habe das alles zwar aufgeschrieben und zu einem Gesamtkunstwerk geformt, geboren haben wir das Buch aber gemeinsam.

In dem Buch schildern Sie, Frau Mihm, auch Stationen Ihres eigenen Lebens, das von Entbehrungen, Verlusten und tiefen Einschnitten geprägt ist. Ist es Ihnen schwergefallen, so offen darüber zu erzählen?
Dorothea Mihm: Ich persönlich wäre nie auf die Idee gekommen, mein Leben so in den Mittelpunkt zu stellen...
Annette Bopp: Dass Frau Mihms Biografie der rote Faden werden würde, an dem entlang sich die ‚sieben Geheimnisse’ entwickeln lassen, war schon relativ früh klar. Einfach, weil sich aus ihren Lebenserfahrungen diese sieben Erkenntnisse herausdestillieren lassen. Es lag nahe, das Buch so zu konzipieren. Außerdem ist diese Vita so spannend, dass es einem manchmal schier den Atem verschlägt. Ich konnte gar nicht anders, als das Buch so zu strukturieren und beides miteinander zu verbinden.

Gab es in der langen Zeit Ihrer Berufstätigkeit als Krankenschwester auf Palliativstationen und im Hospizwesen Schlüsselerlebnisse, die Ihre Sicht auf die Bedürfnisse Sterbender und das, was Pflege leisten sollte, grundlegend verändert haben?
Dorothea Mihm: Ja, eines der wichtigsten Schlüsselerlebnisse war für mich die Fortbildung in Basaler Stimulation in der Pflege. Dabei wurde mir klar, wie ich die Barriere zu Sterbenden im Wachkoma überwinden kann, welche Möglichkeiten der nonverbalen Kommunikation mit ‚Bewusstlosen’ es gibt. So habe ich gelernt, mit Menschen zu kommunizieren, die sich auf dem üblichen Weg nicht mehr selbst äußern können. Ich wünsche mir, dass noch viel mehr Pflegende und HospizbegleiterInnen die Basale Stimulation erlernen, weil dadurch das Verständnis für die Situation von Sterbenden und auch von Wachkomapatienten wachsen kann.

„Bevor ich die letzten Jahre meines Lebens hilflos in einem Heim vor mich hindämmere, bringe ich mich lieber um.“ – Haben Sie ähnliche Sätze schon öfter gehört, und was spricht aus Ihrer Sicht daraus?
Dorothea Mihm: Ja, solche Worte habe ich schon viel zu oft gehört. Es ist doch nur zu verständlich, dass die Menschen Angst davor haben, in einem Heim vor sich hin zu vegetieren oder inkompetenten, überlasteten Pflegenden ausgeliefert zu sein.
Annette Bopp: Diese Haltung entspringt ja nicht der Angst vor dem Tod, sondern der Angst vor einem unwürdigen, leidvollen Sterben. Das ist auch die Triebfeder für den Wunsch nach Sterbehilfe. Wenn wir eine andere Pflegekultur hätten, wenn die Pflege gesellschaftlich mehr wertgeschätzt und anerkannt und vor allem auch besser bezahlt würde, wenn wir sicher sein könnten, in unseren letzten Tagen und Stunden liebevoll begleitet und versorgt zu werden, hätten weniger Menschen so große Angst vor dem Sterben.
Bei jedem Menschen ist eine innere Entwicklung bis zum letzten Atemzug möglich. Es ist ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft, wenn sich Menschen gezwungen fühlen, auf diese Entwicklungsmöglichkeit zu verzichten.

Warum wissen Menschen so wenig über die letzte Phase des Lebens, jene Grauzone zwischen Leben und Tod, die Sie in Ihrem Buch beschreiben?
Dorothea Mihm: Weil sich kaum jemand sonderlich darum bemüht, diese Grauzone genauer zu erforschen. Solange sich die Menschen noch selbst äußern können, ist alles in Ordnung. Problematisch wird es ab dem Zeitpunkt, wo sie dies nicht mehr können. Und diese Grauzone im Sterbeprozess kann ja sehr lange dauern. Viele Menschen werden gerade dann pflegerisch sträflich vernachlässigt – auch im Hospiz, auch auf Palliativstationen. Das kann man den Pflegenden und Ärzten aber nicht vorwerfen, weil sie es oft einfach nicht besser wissen. Hier braucht es noch viel Aufklärung und Auseinandersetzung.
Annette Bopp: In keinem der Bücher, die ich bisher dazu gelesen habe, wird über diese Grauzone gesprochen oder das Sterben konkret geschildert. Es geht immer nur um den Zustand bis dahin, auch in den Medienberichten. Es ist vielen Pflegenden und Ärzten gar nicht bewusst, was in der Sterbephase genau passiert und wie ein Patient dabei kompetent begleitet werden kann. Das ist immer noch ein großes Tabu. Und ein Grund, warum wir so detailliert darauf eingegangen sind.

Unter welchen Voraussetzungen ist Ihrer Erfahrung oder Meinung nach ein gutes Sterben möglich?
Dorothea Mihm: Nun, das sind eben die ‚sieben Geheimnisse’, die wir benennen: 1. Sich täglich aufs Neue bewusst machen, dass der Tod zum Leben gehört. 2. Sich klar werden, was wir an unerledigten Dingen mit uns herumschleppen und sie tunlichst bearbeiten. 3. Das Sterben verstehen, wissen, was im Sterbeprozess passiert. 4. Wissen, wie man über den Körper die Seele erreichen kann, um damit Sterbende gut begleiten zu können. 5. Sich klarmachen, dass mit dem Tod das Leben nicht endet und dass Leben immer auch Entwicklung bedeutet. 6. Das Loslassen lernen. 7. Die Liebe finden – für sich und für andere.

© Elke Kreil, Kailash Verlag